Die Geschichte des “Tagebuch-Schreibens” ist sehr alt. Inzwischen gibt es unzählige Varianten und Methoden. Allen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit dem “Ich”.
Wer ist es, der all das erlebt?
Eine spannende Frage.

In diesem Artikel beziehe ich mich auf die Morgenseiten.
Sie sind dem Tagebuch sehr verwandt, und doch noch etwas anders.

Tagebuch oder Morgenseiten?

Auf den Punkt gebracht liegt der Unterschied zwischen dem Tagebuch und den Morgenseiten in der Zielrichtung.

Beim Tagebuch geht es eher um das „Reflektieren“, bei den Morgenseiten geht es um Persönlichkeitsentwicklung.

In ein Tagebuch schreiben wir recht frei und ungeordnet hinein, was uns durch den Kopf geht. Natürlich bringt allein das schon sehr viele, heilsame Prozesse in Gang.

Beim Schreiben der Morgenseiten wird dies noch mal „optimiert“:

Ähnlich wie in einem Dankbarkeitstagebuch werden gezielt Glückshormone aktiviert. Denn nach bereits zwei bis drei Wochen wächst die innere Klarheit, und dann entwickeln die Morgenseiten ihren Zauber.  

Den Unterschied zwischen den beiden Schreibereien definiere ich mal so:

  • Tagebuchschreiben: weitgehend ungeordnetes und reflektierendes Aufschreiben von Erlebnissen und meinen Gedanken. Ziel ist die persönliche Selbst-Entdeckung und eine erhöhte Achtsamkeit. Hier geht es mehr um die Vergangenheit.
  • Morgenseiten: Die Ausrichtung liegt hier eher in der Zukunft. Es ist eine Schreibmethode, mit der du deine eigenen Gedanken und Emotionen schreibend näher kennenlernst. Dadurch bekommst du tieferen Zugang zu deinen Motiven und Bedürfnissen. Indem du auf diese Weise Zugang zu deinem Inneren gewinnst und neue Perspektiven entwickelst, bist du besser in der Lage, deine wirkliche Kreativität auszudrücken. Diese Auseinandersetzung mit deiner Innenwelt ist Grundvoraussetzung für Kreativität.

 

Anleitung: so schreibst du Morgenseiten

Bei den Morgenseiten gibt es kein Richtig und Falsch. Es gibt keine „formalen“ Regeln, wie und was du schreiben darfst.

  • Du kannst klagen, jammern, alle Regeln der Rechtschreibung über Bord werfen.
  • Du kannst bei einem ganz banalen Thema bleiben oder dich auslassen und ganz viel anreißen.
  • Du kannst über existenzielle Themen wie Angst vor dem Verlust schreiben. Genau so über den wöchentlichen Einkauf oder das Wahrnehmen deiner momentanen Gefühle.

 

Wann sollte ich schreiben

Morgenseiten sollten am Morgen geschrieben werden. Das wird durch den prägnanten und schönen Namen unmissverständlich.

Wenn dein erster Gedanke jetzt ist: Das klingt nach früher aufstehen, dann hast du recht. Es ist jedoch ein Opfer, das durch die positiven Effekte mehr als ausgeglichen wird.

Warum muss das morgens sein und nicht abends? Weil es sich sonst eher zum Tagebuch entwickeln würde.

Gerade am Ende des Tages reflektieren wir: Was hat der Tag gebracht?

Morgens, direkt nach dem Aufwachen, ist der Kopf eher noch in einer Art Trance und der innere Zensor noch nicht so aktiv. In diesem Zustand kannst du ungefiltert und unzensiert drauflos schreiben – genau darauf kommt es an.

 

Was soll ich schreiben?

Hier kommt die Herausforderung und zugleich die große Chance:

Es gibt keine Regeln für den Inhalt der Morgenseiten. Du schreibst einfach drauf los, ohne Zusammenhang, ohne ein bestimmtes Ziel mit dem Inhalt selbst zu verfolgen. Es muss nicht einmal einen Sinn ergeben.

Grammatik, Rechtschreibung und alles, was wir sonst mit dem Schreiben in Verbindung bringen, sind zweitrangig. Das ist der besondere Reiz und die Wirkung der Morgenseiten. Es ist ein freies, intuitives Schreiben.

Dies geschieht, wenn du dich nicht ablenken lässt, sondern beim Schreiben sozusagen in einen Flow kommst. Das Schreiben kommt weniger vom Kopf her, eher aus deiner Herzgegend. Geleitet von deiner Intuition.

Du denkst dabei nicht so sehr nach, sondern kommst eher ins fühlen. Das hat den Vorteil, dass wir du nicht bewertest, was du schreibst.

Nachdenken ist, wie das Wort „nach“ schon sagt, ein Rückblick und meist mit einer wertenden Analyse verbunden.

Dieses Bewerten hindert uns daran, stehenzulassen, was gerade ist und es wertfrei zu betrachten.

Das braucht in der Tat eine Umstellung. Einmal entdeckt, macht es richtig Spaß und steckt voller Überraschungen.

Wenn wir die Morgenseiten auf diese Weise anwenden, ist die Bandbreite dessen, was wir aufschreiben, sehr viel größer.

 

Was ist, wenn mir nichts mehr einfällt?

Wenn der Schreib-Flow stockt oder unterbrochen wird, kannst du dich fragen:

Woran denke ich gerade, mir fällt nichts ein… und schreibst genau diese Worte nieder. Wichtig ist, dass sich deine Finger bewegen und du im Schreibfluss bleibst.

Das Nachdenken über das Schreiben, über Schreibblockaden, die Bettwäsche, die Ruhe frühmorgens – ganz egal, Hauptsache, du bleibst beim Schreiben.

So könnte das dann aussehen:

Beispiel:

Es ist 5.58 Uhr morgens, ich bin noch müde und nicht ganz klar im Kopf. Ist nicht meine Uhrzeit. Aber ich habe mir vorgenommen, endlich mal diese tolle Kreativitätstechnik, auszuprobieren. Morgenseiten – eigentlich ein schöner Name.

Aber gut – hab grad keine Ahnung, worüber ich schreiben soll. Boah, morgen mache ich mir aber erstmal nen Kaffee vorher. Bin so müde. Aber gut, was tut man nicht alles für mehr Kreativität und Klarheit. Heute im Büro gibt es ja das lang angekündigte Meeting. Bin mal gespannt, was Walter da wieder aus der Tasche zaubert. Letztens meinte er …“

 

Den Schreibfluss flüssig halten

Eine gute Art, eine Schreibblockade wieder aufzulösen sind Fragen. Mir hilft das oft, die Gedanken wieder in Fluss zu bringen und den Text weiterzuschreiben. Stelle dir Fragen, die dir durch den Kopf gehen. Versuche nicht, Antworten darauf zu finden. Die Antworten kommen irgendwann.

Manchmal kommen dir während des Schreibens auch konkrete Ideen. Für bestimmte Herausforderungen oder Aufgaben am Tag. Ein Plan. Was auch immer. Manchmal kommen sogar ganz geniale Einfälle, die du gleich am selben Tag noch umsetzen kannst.

Hier ein paar Fragen als Starthilfe:

  • Wofür bin ich heute dankbar?
  • Was wird mein Tag bringen?
  • Worauf möchte ich mich heute fokussieren?
  • Affirmation/Mantra des Tages. Also so etwas wie das positive „Motto“ des Tages: „Ich will heute mutig sein.“, „Ich muss gar nichts…“
  • Was möchte ich heute lernen(abends)

 

Mit Stift oder Tastatur?

 

Häufig wird dazu geraten, die Morgenseiten handschriftlich zu verfassen. Das hat gute Gründe. Wenn du mit der Hand schreibst, synchronisieren sich deine Gedankengänge mit der Geschwindigkeit deiner Hand. Diese Verlangsamung fördert Achtsamkeit, dir und deiner eigenen Innenwelt gegenüber.

Ich habe beides ausprobiert und bin doch bei meiner Tastatur gelandet. Ich weiß nicht wie es dir geht, aber meine Hand ermüdet bereits, wenn ich eine Postkarte voll geschrieben habe.

Irgendwie fühlt es sich für mich besser an, mit beiden Händen in einen Flow zu kommen.

Aber hier geht Probieren über Studieren.

Für den deutschen Sprachraum gibt es hier die digitalen Morgenseiten:

www.Morgenseiten.com

5 Gründe täglich Morgenseiten zu schreiben:

1)      Klarheit: Wenn du ein Problem hast oder vor einer Entscheidung stehst, dann wirken Morgenseiten wirklich Wunder. Das mentale Gerümpel wird entfernt und du kannst klarer denken und schneller, bessere Entscheidungen treffen

2)      Du ärgerst dich nicht über Kleinigkeiten – und ziehst sie in die Länge. Durch die Morgenseiten bringst sie auf den Müllplatz und hast den restlichen Tag Ruhe davon.

3)      Wenn du Fragen hast, dann kann deine innere Weisheit dir Antworten geben – manchmal sofort oder nach ein paar Tagen

4)      Deine Verbindung zu deinem Herz und Gefühl wird klarer und stärker

5)      Durch wachsende Klarheit und Zugang zu deinen Emotionen brauchst du keine Dinge, die deine Emotionen verdrängen würden („Frustessen”, stundenlanges Fernsehen, endloses Arbeiten…)

Um eine spürbare Wirkung zu erzielen, solltest du die Morgenseiten allerdings mindestens 30 Tage lang hintereinander schreiben.

Erst wenn das morgendliche Schreiben zur Gewohnheit geworden ist, wirst du auch die positiven Auswirkungen bemerken.

Morgenseiten Beispiel: Ein Erfahrungsbericht

Damit du dir vorstellen kannst, wie Morgenseiten in der Praxis wirken, gebe ich hier noch einen kurzen Erfahrungsbericht eines Bekannten, der die Methode fünf Monate lang angewendet hat:

Erster Tag: der Wecker klingelt 20 Minuten früher. Ich dusche nur und mach mir meinen Kaffee – setz mich dann gleich an den Laptop zum Schreiben. Die weiße Fläche beeindruckt erstmal: ich weiß nicht was ich schreiben soll. Irgendwann fange ich einfach an.

Ganz langsam geht das tippen, es ist einfach sehr früh… Je mehr ich aber schreibe, desto leichter wird es. Die 700 Worte sind dann doch recht schnell geschrieben. Das erste Gefühl ist nichts Besonderes. Ich spüre keine direkte Wirkung. Naja, war ja auch der erste Tag.

Fünf Tage später wird es schwieriger. Die Nacht war kurz, mein Körper will liegen bleiben und weiter schlafen. Aber nein, der Vorsatz ist da, zumindest 30 Tage will ich durchhalten! An diesem Morgen ist jedes Wort mühsam, nach 300 Worten gebe ich schließlich auf, mehr frustriert als entspannt.

Dann, in der dritten Woche spüre ich die ersten Erfolge. Irgendwie ist das morgendliche Schreiben zur Gewohnheit geworden. Ich freue mich richtig darauf. Ich spüre die ersten Auswirkungen: entspannter und gelassener bin ich geworden. Habe oft direkt am Morgen wieder spontane, kreative Einfälle. Diese Morgenseiten werden doch nicht wirklich funktionieren?

Nach fünf Monaten steht fest: Ich behalte die Morgenseiten als feste Gewohnheit. Das Schreiben tut mir einfach gut. Mein Tag beginnt deutlich entspannter und meine Kreativität hat sich spürbar gesteigert.

Außerdem habe ich beim späteren Durchstöbern meiner alten Morgenseiten einige Themen entdeckt, die sich wie ein roter Faden durch meine momentane Lebensphase zieht.

Julia Cameron war übrigens eine der ersten, die die Morgenseite populär gemacht haben. Die Methode wird ausführlich in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ beschrieben.

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